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Unterschiedliche Maßstäbe - Augsburger Allgemeine
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Mittwoch, 08.September 2010
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Unterschiedliche Maßstäbe

08.03.2010 05:06 Uhr

Das kommt gar nicht in die Tüte: Was soll Kriegsspielzeug in der Schultüte? Wie ungleich verteilt sind die leckeren Meeresfrüchte im Überfluss einer Spezialitätentheke einerseits und die kümmerlichen Fischer aus der Dritten Welt andererseits. Wie provokant stecken doch die hübschen Bilder von Spielzeug made in China samt den abgetrennten Armen einer Puppe in der Tüte. Die Designer-Klasse von Horst Kirstein hat sich mit ihren Tüten Gedanken über verlorene Maßstäbe in der Konsumgesellschaft gemacht. Jetzt bilden sie einen Teil der großen Ausstellung der Hochschule in der Toskanischen Säulenhalle zur Woche der Brüderlichkeit 2010.

„Junge Künstler haben sich immer schon zur Aufgabe gemacht, neue Maßstäbe zu finden“, meinte Kurator Thomas Elsen von den städtischen Kunstsammlungen zur Eröffnung. Für die Hochschule war es eine Gelegenheit, neue Schwerpunkte grafischen Arbeitens in Zeichnung und Druck dank neuer Dozenten darzustellen. Die Tüten-Serie ist dafür ein gelungenes Beispiel. Auf die Frage, wie Gesellschaft heute funktioniert, kamen die Studenten auf die (Einkaufs-)Tüte als Symbol des Konsums. Künstlerisch ließ das Medium jede Freiheit: Man kann sie befüllen, bedrucken, zurechtschneiden und in ihrer Funktion neu definieren.

In einem einzigen Tag wurde die weitläufige Säulenhalle mit Arbeiten der Studierenden und ihrer Dozenten bestückt. Den Besucher erwartet ein vielleicht verwirrendes Kaleidoskop an gestalterischen Deutungen, die oft nur locker mit dem Motto „Verlorene Maßstäbe“ zusammenhängen. Macht nichts, sagt Prof. Jens Müller, der Dekan der Fakultät, denn so entsteht ein Raum, wo die Entwürfe hierarchiefrei miteinander kommunizieren.

Gegensätze hängen sich gegenüber. Grau sind die großformatigen Gemälde von Philipp Stähle. Er malte fotorealistisch Wände nach einer Kunstausstellung. Die Bohrlöcher und Nägel sind noch da, auch die Etiketten mit den Nummern der zu hängenden Bilder. Wie sahen sie aus? Was erfüllte diesen Raum und die Menschen, die hier entlang gingen? Eine Leerstelle ist hier entstanden, die ihrerseits eine gründliche Betrachtung fordert.

Auf der anderen Seite leuchtet indes der Hinterglas-Zyklus von Erich Gohl. Der Professor für Malerei hat auf 23 Bildern sein Söhnchen porträtiert, meist mit weit aufgesperrtem Mund, den ein einziger Milchzahn ziert. Mal brüllt er lauthals, mal gluckst und kichert er. Die rasch wechselnden Stimmungen des kleinen Kindes lassen sich ermessen, unterstützt vom experimentierfreudigen Einsatz der Farben.

Dominant hängt das eigenartig belebte, monströse Maschinenwesen von Peter Mayer an der Wand. Aus Siebdrucken auf grau grundiertem Papier hat er das Ungetüm aufgebaut: ein stählerner Rumpf voller Nieten, Klauen und einem Schnabel. Flügel verbreitern ihn und Röhren wie Augen und Nase verlebendigen ihn. Wie lieblich wirkt dagegen die grüne Fee mit Fliegenpilz von Endy Hupperich. Unter den Studentenbeiträgen ragt manche Diplomarbeit hervor, etwa die charakteristischen Frauenrollen im London des 18. Jahrhunderts von Stefanie Weber. Oder der expressive Zyklus zu den sieben Todsünden von Christine Ostermaier.

Anklänge an Historienmalerei werden in den „Epikureern“ von Stefan Wanzl-Lawrence wach, ein großes Ölgemälde einer nackten, esoterischen Gruppe, die offensichtlich eine verschworene Gemeinschaft bilden, die nicht jedem Außenstehenden zugänglich ist. Und der man wegen ihrer freizügigen Denkweise vielleicht auch gar nicht zugehören will. Eine subtile künstlerische Studie über die Konkurrenz unterschiedlicher Maßstäbe.

Laufzeit nur noch bis Sonntag, 14. März, geöffnet Di bis So 10-18 Uhr, Führung am Freitag, 12. März, um 16 Uhr.


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